Die Idee · 2026-08-02
Warum ich zeichne statt fotografiere

Die Tafel vor dem Foto
Am 5. Juni 1866 stach in Saigon eine Expedition in See, die den Mekong hinauffahren sollte, bis dahin, wo noch kein Europäer gewesen war. Francis Garnier führte sie an, und in seinem Gepäck steckte das ganze Instrumentarium der Entdeckung: Barometer, Theodolit, ein Zeichner und ein Fotograf. Der Zeichner hieß Louis Delaporte, 24 Jahre alt, und was er in den folgenden zwei Jahren auf Papier bannte, wurde zur Grundlage eines der schönsten Reisebücher des Jahrhunderts.
1873 erschien das Expeditionswerk in Paris, zwei Bände Text und ein Atlas in zwei Teilen. Der eine Teil enthielt zweiundzwanzig gestochene Karten und Pläne, der andere ein Album mit fast fünfzig Tafeln nach Delaportes Zeichnungen, gedruckt in den Werkstätten von Lemercier und Cicéri. Der Textband trug zweihundertfünfzig Holzstiche nach seinen Skizzen. Die Künstler, die die Tafeln ausführten, hatten den Auftrag, die Zeichnungen zu vervollständigen und zu deuten, nicht sie bloß zu kopieren. Was Delaporte an zerfallenen Bauten gesehen hatte, wurde auf der Tafel wieder aufgerichtet.
Diese Seite lebt von derselben Freiheit. Ich zeichne nicht, weil ich keine Fotografen fände. Ich zeichne, weil die Zeichnung das Reisebild zu dem macht, was es in den Atlanten des 19. Jahrhunderts war: eine Erzählung, keine Beurkundung.
Der Zeichner und der Fotograf
Die Expedition führte beide Künste nebeneinander, und genau darin liegt der lehrreiche Teil der Geschichte. Émile Gsell, der Fotograf, machte 1866 die ersten Aufnahmen von Angkor, die je entstanden; John Thomson, ein Schotte, fotografierte die Tempel im selben Jahr mit Nassplatten, seine Bilder sind die ältesten erhaltenen. Es gibt von diesen frühen Fotografien ein Motiv, das ich auf meiner ersten Tafel zeige: Angkor Wat, aufgenommen von Gsell, und dazu den Holzstich, den das Expeditionswerk daraus machte. Der Stich zeigt dieselbe Fassade, aber er zeigt mehr, als das Foto hergab. Die Ruine ist aufgeräumt, die Linien sind geführt, das Auge weiß, wo es zuerst hinsehen soll.
Ein Foto von 1866 brauchte lange Belichtungszeiten und verzieh keine Bewegung. Menschen mussten stillhalten, Bäume verwischten, die Tempel standen in einem harten Licht. Die Zeichnung hatte keine solche Not. Sie konnte die Staffage setzen, den Himmel ordnen, das Wichtige betonen und das Unwesentliche weglassen. Delaporte hat davon ausführlich Gebrauch gemacht, und seine Kritiker warfen ihm vor, er habe Angkor schöner gezeichnet, als es war. Vielleicht war genau das der Sinn der Sache. Ein Reisebild soll nicht beweisen, dass man dort war. Es soll den Daheimgebliebenen die Lust wecken, selbst hinzufahren.


Als das Licht die Hand ablöste
Die Hand wurde nicht von heute auf morgen arbeitslos. Die Autotypie, das Druckverfahren, das Fotografien in Bücher brachte, wurde um 1880 erfunden und setzte sich in den frühen neunziger Jahren durch; Stahlstiche hielten sich bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert, und Landkarten wurden noch bis in die neunziger Jahre gestochen. Wer heute ein Expeditionswerk aus den Jahren nach 1900 aufschlägt, findet die Tafeln durch Fototafeln ersetzt, und der Wechsel vollzog sich zwischen 1880 und 1900, also genau in dem Jahrzehnt, aus dem meine Bilder stammen.
Ich reise bewusst in diese Zeit zurück. Die Tafeln dieser Seite sind im Stil der Kupferstich-Atlasse gehalten, mit feiner Schraffur, Sepia und Tiefgrün auf Pergament. Das ist keine Nostalgie. Es ist eine Entscheidung über den Blick: Die gravierte Tafel verlangt, dass der Betrachter sich das Bild erarbeitet, dass er die Küste nachfährt, den Grat nachzeichnet, den Nebel ergänzt. Ein Foto sagt: So war es. Eine Tafel sagt: So könnte es gewesen sein, komm und sieh selbst.

Die Farben von Albert Kahn
Zwischen 1909 und 1931 ließ der Bankier Albert Kahn Fotografen rund um die Erde reisen, um ein Archiv der Welt anzulegen, die Archives de la Planète. Sein Mann für Indochina war Léon Busy, der 1914 bis 1917 in Tonkin arbeitete und im Februar und März 1921 in Kambodscha; über 1.700 seiner Autochromaufnahmen sind erhalten. Das Autochrom war das erste brauchbare Farbfotoverfahren, erfunden 1907 von den Brüdern Lumière, und seine Bilder haben etwas von gemalten Miniaturen, mit einer Körnung wie feiner Samt.
Mein Titelbild der heutigen Ausgabe zeigt den Grabenrand von Angkor Wat in diesen Farben. Man sieht das Grün des Wassers, das Braun der Erde, das Grau der Steine, und man versteht, was die Fotografie der Zeichnung endgültig voraushatte: Sie brachte die Farbe mit, ohne dass jemand sie deuten musste. Die Autochromen waren die letzten Bilder der Übergangszeit, halb Dokument, halb Gemälde. Danach übernahm das Foto, und die Atlas-Tafeln wanderten in die Antiquariate. Von dort hole ich sie, auf meine Weise.

Was die Zeichnung kann
Ein Foto dokumentiert, eine Zeichnung erzählt. Das ist der ganze Unterschied, und er ist mir wichtig genug, um alle Bilder dieser Seite danach auszurichten. Die Fotografien, die ich aus den Archiven zeige, sind dort, wo sie Geschichte belegen; die Tafeln, die ich selbst zeichne, sind dort, wo es um das Erlebnis geht. Beides hat seinen Platz, und die Indochine-Edition, wie ich meinen Stil nenne, ist der Versuch, die alte Kunst des Reisebildes mit den Mitteln von heute fortzuführen.
Wer durch diese Seiten blättert, soll nicht das Gefühl haben, einen Katalog zu lesen. Er soll das Gefühl haben, ein Expeditionswerk aufzuschlagen, das noch nicht geschrieben ist, und die nächste Tafel könnte die seine sein.
Geprüft am 2026-08-02
Quellen
- Gallica/BnF: Voyage d'exploration en Indo-Chine (1873), Atlas und Textbände
- Internet Archive: Atlas Teil 1 und Teil 2 (Getty-Digitalisate), Textband 1873
- Wikipedia, Artikel Mekong expedition of 1866–1868, Louis Delaporte, Émile Gsell, John Thomson (photographer), André Salles, Autochrome Lumière, Halftone, Steel engraving
- Musée départemental Albert-Kahn, Biografie Léon Busy und Archives de la Planète
- Wikipédia, Artikel Musée départemental Albert-Kahn und Émile Gsell
- Humazur, Université Côte d'Azur, Fonds ASEMI zu Émile Gsell