Jahreszeiten · 2026-08-02

Der stille September: das Mittelmeer ohne Massen

Der stille September: das Mittelmeer ohne Massen

Die Zahlen der Ungeduld

Im Januar legte die UN-Tourismusbehörde ihre Jahresbilanz vor: 793 Millionen internationale Ankünfte in Europa im Jahr 2025, vier Prozent mehr als im Vorjahr und sechs Prozent mehr als 2019. Weltweit waren es 1,52 Milliarden, rund sechzig Millionen mehr als 2024. Diese Zahlen sagen nichts über die Qualität einer Reise. Sie sagen aber einiges über die Umstände, unter denen man sie unternimmt.

Das Mittelmeer bleibt das meistbegehrte Reiseziel der Europäer. In der Umfrage der European Travel Commission von 2025 nannten dreizehn Prozent der Befragten Spanien, zehn Prozent Italien, acht Frankreich, sechs Griechenland. Wer im Juli an der Promenade von Palma steht, glaubt diese Zahlen auf den ersten Blick. Die Proteste der letzten beiden Jahre, auf den Kanaren im April 2024 mit zwanzig- bis fünfzigtausend Teilnehmern, auf Mallorca im Juli 2024 mit bis zu fünfzigtausend, waren kein Stimmungstest, sondern eine Rechnung, die lange überfällig war.

Das Meer, das nicht abkühlen will

Der Copernicus-Dienst der Europäischen Union meldet für das erste Halbjahr 2026: Rund 98 Prozent des Mittelmeerbeckens waren von Meereshitzewellen betroffen, gut achtzig Prozent davon mit starken bis extremen Bedingungen. Die mittlere Wassertemperatur von 18,07 Grad von Januar bis Juni war die dritthöchste seit Beginn der Aufzeichnungen, nur 2024 und 2025 waren wärmer. Die längste je gemessene Hitzewelle dauerte von Mai 2022 bis Anfang 2023, das Wasser lag stellenweise 4,3 Grad über dem Normalwert.

Die Folgen sieht man am Strand und auf dem Markt. Im Po-Delta ist die Muschelproduktion durch die eingewanderte Blaue Krabbe um drei Viertel bis ganz zusammengebrochen, vor Sizilien machen Feuerborstenwürmer den Badegästen das Wasser madig. Wer im September reist, schwimmt also in einem Meer, das sich langsam umbaut. Das ist kein Grund zu verzagen, aber ein Grund, mit offenen Augen zu baden.

Die Städte schließen die Tore

Die Küstenstädte haben 2026 Grenzen gezogen, wo vorher keine waren. Venedig verlangte an sechzig Tagen zwischen dem 3. April und dem 26. Juli eine Tagesgebühr von fünf Euro bei rechtzeitiger Buchung, zehn Euro kurzfristig; seit dem 27. Juli ist die Stadt für den Rest des Jahres wieder frei. Wie es 2027 weitergeht, hat der Stadtrat noch nicht endgültig entschieden.

Barcelona lässt alle 10.101 Lizenzen für Ferienwohnungen bis November 2028 auslaufen und vergibt keine neuen. Dubrovnik erlaubt höchstens zwei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig und 4.000 Passagiere an Land. Santorin, 15.000 Einwohner, begrenzt die Kreuzfahrtgäste auf 8.000 am Tag und erhebt zwanzig Euro pro Passagier; am ersten Tag der neuen Steuer kamen 8.400. Griechenland kassiert für Ferienwohnungen je nach Größe acht bis fünfzehn Euro pro Nacht, in der Saison.

Man kann diese Regeln als lästig empfinden. Man kann sie auch als Einladung lesen: Wer flexibel ist, dem öffnen sich die Türen genau dann, wenn sich die Menge auf die Sommerferien versteift hat.

Photochrom der venezianischen Zitadelle von Korfu mit Hafen und Stadt
TAFEL N° 1 · Archiv: Die Zitadelle von Korfu, Photochrom von Photoglob Zürich, 1890 · Library of Congress, Public Domain

Wohin die Menge nicht geht

Meine Empfehlungen sind bewusst nicht der Kalender der Hochglanzmagazine. Menorca ist seit 1993 Biosphärenreservat, der Küstenweg Camí de Cavalls führt um die ganze Insel. La Gomera hat mit dem Garajonay einen Lorbeerwald aus einer anderen Erdzeit, und weil es keine Direktflüge aus dem deutschsprachigen Raum gibt, sortiert sich der Andrang von selbst. Kefalonia bietet den Ainos mit seinen Tannenwäldern und die Melissani-Höhle. Naxos, grüner und ruhiger als seine Nachbarinseln, hat den Berg Zas und die alten Marmorbrüche, aus denen einst die Kouroi kamen. Elba liegt im Nationalpark des Toskanischen Archipels, und wer das benachbarte Montecristo sehen will, braucht Geduld: nur wenige hundert Besucher im Jahr.

Im türkischen Süden ist der September freilich oft noch Hochsommer. Der Lykische Weg, 760 Kilometer Küstenpfad, ist im August ein Gefahrenfall, sein Fenster öffnet sich im Oktober und November. Wer es kühl mag, plant den Süden also später; das Inselinnere von Gran Canaria mit Roque Nublo und Tejeda ist im September schon wieder angenehm.

Photochrom-Panorama über Amalfi und die Küstenlinie vom Kloster Capuccini aus
TAFEL N° 2 · Archiv: Amalfi von den Kapuzinern aus, Photochrom von Detroit Publishing, um 1890–1900 · Library of Congress, Public Domain

September-Kunde

Was man über den September wissen muss, ist die Trägheit des Wassers. Die Luft kühlt spürbar, das Meer hält die Wärme des Sommers. Auf Mallorca zeigt das Thermometer im September 27,1 Grad am Tag und 19,9 Grad in der Nacht, das Wasser bleibt bei 24 Grad, fast auf August-Niveau. An der Côte d'Azur sind es 21 Grad. Man schwimmt also noch, aber man braucht abends eine Jacke.

Dafür kehrt der Regen zurück, statistisch gesehen: in Palma von 0,7 Regentagen im Juli auf 4,7 im September, die Sonnenstunden sinken von 11,2 auf 7,5 am Tag. Und das Mittelmeer kennt im Herbst seine eigenen Stürme, die Medicanes, kleine Wirbel mit dem Aussehen von Hurrikanen, die zwischen September und Januar auftreten. Der heftigste je gemessene, Ianos, erreichte 2020 die Stärke eines Hurrikans der Kategorie 2; Daniel überschwemmte im September 2023 Thessalien. Die Gefahr ist weniger der Wind als der Regen, der in Stunden fällt, wofür andere Regionen Wochen brauchen.

Was im September schließt, sind die Saisonbetriebe: kleine Fähren auf griechischen Inseln, Strandbars, manche Tavernen. Was sich öffnet, ist das eigentliche Land. Die Weinlese an den Hängen von Istrien und Mallorca, die Museen ohne Anstehen, die Wanderwege, auf denen man wieder allein ist.

Die leere Lagune als Versprechen

Die Regeln der Städte sind Symptombekämpfung an ein paar Brennpunkten, das geben ihre Urheber selbst zu. Echte Ruhe findet, wer nicht den Ort wechselt, sondern die Zeit. Touristengegner gibt es seit hundert Jahren, die Pariser griffen schon im Juli 1926 amerikanische Besucher an, aus Wut über die damalige amerikanische Invasion. Der Massentourismus ist also kein Kind der Billigflieger, nur sein Ausmaß.

Der September kann Leere bieten, aber keine Verlassenheit. Die Städte leben, die Fischer fahren, die Weinlese läuft. Es ist die Jahreszeit, in der das Mittelmeer wieder sich selbst gehört, und wer dann reist, bekommt das Land und nicht die Postkarte.

Photochrom der Akropolis und des Theseions in Athen in warmem Licht
TAFEL N° 3 · Archiv: Athen, Akropolis und Theseion, Photochrom von Photoglob Zürich, 1890 · Library of Congress, Public Domain

Geprüft am 2026-08-02

Quellen

  • UN Tourism, World Tourism Barometer 1/2026, Ankünfte 2025
  • Copernicus Marine Service, Bulletin erstes Halbjahr 2026 und Ocean State Report 9
  • European Travel Commission, Monitoring Sentiment for Intra-European Travel 2025
  • Comune di Venezia, Contributo di Accesso 2026
  • Ajuntament de Barcelona, Beschluss zu Kurzzeitvermietungen, Juni 2024
  • Dubrovnik Port Authority, Kreuzfahrt-Regeln, Policy vom 29.07.2024
  • Griechisches Finanzministerium, Kreuzfahrt-Passagiersteuer und Climate Crisis Resilience Fee
  • AEMET und Météo-France, Klimanormalwerte Palma und Nizza
  • Wikipedia, Artikel Overtourism, Medicanes und Proteste in Spanien 2024/25
  • Library of Congress, Photochrom Print Collection (Detroit Publishing, Photoglob Zürich)